Nur ein Mädchen...

22.01.2010






Ich war ein dünnes Kind, weil ich anstatt Kalorien lieber Buchstaben und Bücher frass und verschlang. Der Lesestoff war vergnügliche, schöne Nahrung und gab mir ein behagliches Sättigungsgefühl. Ich besass sehr viele Bücher, die ich alle von meinem Götti geschenkt bekam. Ich bin ihm heute noch dankbar. Nun, alle meine Kinder- und Jugendbücher wurden von emsiger Hand irgendwann entsorgt... nur eines blieb mir. Vergilbt zwar, aber sonst ganz sauber und ohne ein einziges Eselsohr.
Soeben habe ich es nochmals in einem Zug durchgelesen, das Buch über den Knabenchor, das Erika Mann geschrieben hatte. Sie war nicht nur die älteste Tochter von Thomas Mann, sondern auch eine intelligente, mit vielen Talenten ausgestattete und erfolgreiche Frau. Aber sie trug auch die Hypothek, als erstgeborenes Kind nur ein Mädchen zu sein, und sie lebte immer im Spannungsfeld von Eigenständigkeit und der Last des grossen Namens im Lebensrucksack.
Der frischgebackene Vater schrieb nach Erikas Geburt, 1905, folgende gefühlvollen Zeilen an seinen Bruder Heinrich:

"Es ist also ein Mädchen: eine Enttäuschung für mich, wie ich unter uns zugeben will, denn ich hatte mir sehr einen Sohn gewünscht und höre nicht auf, es zu thun. Warum? ist schwer zu sagen. Ich empfinde einen Sohn als poesievoller, mehr als Fortsetzung und Wiederbeginn meiner selbst unter neuen Bedingungen. Oder so."


PS. Ich konnte mit Thomas Mann, dem Schriftsteller, in der Schulzeit nichts anfangen. Zu bourgeois und dekadent erschienen mir 'Die Buddenbrocks' und 'Der Tod in Venedig'. 
Hätte ich diese Zeilen damals schon gekannt, ich hätte vor Zorn geschäumt. Oder so...