Zwischen zwei Haltestellen (8)

19.02.2010

Gestern im Regiozug.
Obwohl es noch fünf Minuten dauert bis zur Abfahrt, hechtet der Mittfünfziger herein und lässt sich atemlos auf den Sitz mir schräg gegenüber fallen. Sein Brustkorb wogt vom schnellen Lauf.
Die grosse Umhängetasche wirft er achtlos auf den freien Platz daneben und nimmt ein Taschenbuch hervor. Obwohl er zu lesen beginnt, befindet sich sein Körper ständig in Bewegung und in einer spürbaren Unruhe.
Für diese Jahreszeit scheint er mir etwas dünn angezogen mit seinem anthrazitfarbenen Kunststofflumber und dem assortierten, feinkarierten Hemd.
Vielleicht ist die frühlingshafte Kleidung und seine eleganten, aber winteruntauglichen Treter schuld, dass er sich den Hals freizuräuspern beginnt.
Dann schnieft er ununterbrochen und zieht den Rotz in die Nasenhöhlen hoch.
Ein Hustenanfall attackiert ihn.
Ich schlage reflexartig meinen Jackenkragen hoch.
In dem Moment, als ich beschliesse, den Platz zu wechseln, bereitet sich der Mann auch schon zum Aussteigen vor.
Er versorgt zuerst die Lesebrille, dann das Buch. Der Moment reicht, um einen Blick auf den Buchtitel zu werfen.
Ich lüge nicht.
Er hiess: ERBARMEN!