Klangbilder

15.10.2010

Diese Woche musste ich in die Röhre.

Die vergrämt aussehende, wortkarge Röntgenassistentin richtet mich auf der Liege ein.
Sie unterlegt mein Bein mit einem Kissen. Den Fuss drückt sie an eine Stütze, um ihn in einem 90° Winkel zu halten.
Am Schluss wuchtet die Frau noch drei Sandsäcke auf das Bein: "Damit Sie sich net bewege und es keine verwaggelte Bilder gibt."
Ich bin ihr für diese Erklärung richtig dankbar.
Dann verlässt sie den Raum.
Ich bin allein.

Zuerst höre ich ein Geräusch, ähnlich der Melkmaschine der Bäuerin, mit der ich befreundet bin.
Hinter meinen geschlossenen Augen erscheinen schwarzweiss gefleckte Kühe. Als ich mich dem friedlichen Bild hingeben will, erschreckt mich ein "Tatatatatata" wie aus einem Maschinengewehr fast zu Tode. Zum Glück bremsen mich die drei Sandsäcke am Hochspringen. Mein Puls rast.
"Nur ruhig, Hausfrau Hanna", spreche ich mir innerlich Mut zu, "es geht vorbei. Viele andere Menschen haben das auch schon erlebt und überstanden. Also wirst du es auch überstehen".

Nun schwillt ein langgezogener Ton an, der sich wie eine metallene Orgelpfeife anhört. Darunter wie ein Ostinato das Geräusch eines schnell pochenden Herzes.
Irgendwie hat es etwas Meditatives. Ich freunde mich fast mit diesem Geräusch an und werde ruhiger. Das hilft mir, die folgenden lauten Geräuschsequenzen mit Bildern in Verbindung zu bringen:
Mit einer Nähmaschine etwa, die "Trrrrrrrrrrrrrrrrrr" unendlich lange Stoffbahnen hinunterrattert.
Mit den Kellen des Tinguelybrunnens beim Theater, die stetig Wasser schöpfen und wieder ausleeren.

Trotzdem.
Dreissig Minuten können eine Ewigkeit sein.
Und so atme ich tief durch vor Erleichterung, als mich die Röntgenassistentin befreit mit der nettgemeinten Frage: "Sind Sie etwa eingschlofe?"


PS. Mir fehlten die Worte, und so liess ich die Antwort Antwort sein...