Die letzte Decke

08.01.2013


Ich denke an meine Mutter.
Sie starb vor genau zehn Jahren an einem Januartag, als es ohne Unterbruch schneite und die Flocken fingerbeerengross vom Himmel herunter fielen.
Das Wetter war so schlecht, dass niemand aus der Familie sie besuchen konnte oder wollte.
Im Nachhinein erschien es, als ob sie das Alleinsein, die Stille und Ruhe gebraucht hätte für den leisen Abschied in die andere Welt.
Als ich etwas vor Mitternacht ein Taxi bestellte, um meine Mutter nochmals zu sehen, fielen die Flocken nur noch spärlich. Im Scheinwerferlichts des Autos sah es aus, als ob vereinzelte, weisse Schmetterlinge heruntersegeln würden.
Überall auf den Wegen und Feldern lag eine dicke, weisse Decke.
Als ich mit zitternden Beinen aus dem Taxi stieg, wünschte mir der Fahrer eine gute Nacht.

Weicher grosser   
Schnee
Löscht mein Herz
Es brennt -
Ich  erwarte den Tag
An dem der Kreis
Meiner Jahreszeiten
Sich schliesst.

Lommas
Naivadas
Stüdan meis
Cour chi arda -
Eu spet sün quel
Di cha'l tschierchel
Da mias stagiuns
As serra.

Luisa Famos (geb.1930 in Ramosch, gest. 1974 in Ramosch)

2 Kommentare:

Quer hat gesagt…

Das ist sehr berührend und schön.

Ganz liebe Grüsse,
Brigitte

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Und auch nach zehn Jahren,
liebe Frau Quer,
klar und präsent in der Erinnerung vorhanden.

Herzlich grüsst in den neuen Tag
Hausfrau Hanna