Musik in der Sprache

02.01.2013


Manchmal trage ich mein Herz, die Begeisterung und die Freude ganz vorne auf der Zunge.
Wie kürzlich, als ich einer Bekannten erzählte, dass ich seit gut drei Jahren Schwedisch lerne.
Sie sagte mir ganz unverblümt und offen ins Gesicht, dass Schwedisch nun definitiv keine wohlklingende Sprache sei und nur romanische Sprachen in ihren Ohren musikalisch und schön tönten...

PS. Sie sollte sich einmal dieses Gedicht von Tomas Tranströmer, Literaturnobelpreisträger 2011, anhören. Geschrieben in einer verknappten, klaren, musikalischen Sprache.
Und genauso tönend:



Romanische Bögen

In der gewaltigen romanischen Kirche drängten sich die Touristen im Halbdunkel.
Gewölbe klaffend um Gewölbe und kein Überblick.
Kerzenflammen flackerten.
Ein Engel ohne Gesicht umarmte mich
und flüsterte durch den ganzen Körper:
"Schäm dich nicht, Mensch zu sein, sei stolz!
In dir öffnet sich Gewölbe um Gewölbe, endlos.
Du wirst nie fertig, und es ist, wie es sein soll."
Ich war blind vor Tränen
und wurde auf die sonnensiedende Piazza hinausgeschoben
zusammen mit Mr. und Mrs. Jones, Herrn Tanaka und Signora Sabatini,
und in ihnen allen öffnete sich Gewölbe um Gewölbe, endlos.

Aus: Sämtliche Gedichte. Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel. München: Hanser 1997
© 1997 Carl Hanser Verlag München Wien





8 Kommentare:

Martin Winter hat gesagt…

Ein schönes Gedicht.
Dein Artikel erinnerte mich an eine Episode aus meiner Interrail-Zeit. Wir mussten in der Jugi Stockholm warten, weil die Receptionistin am Telefon war. Ich sagte zu meinem Kollegen: So gesehen, tönt Schwedisch doch ganz gut.
Mittlerweile bin ich ein klein bisschen reifer ;-)

meineschreibblockadeundich hat gesagt…

Liebe Hausfrau Hanna,

mir geht es ganz ähnlich. Was mich begeistert, will heraus aus mir. Und solche Reaktionen holen mich dann ganz schnell wieder auf den Boden zurück.

Weiterhin viel Spaß beim Schwedischlernen wünscht
Marie

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Interrail,
lieber Tinu,
da war ich genau immer ein Jahr zu alt, um davon zu profitieren!
Warst du etwa auf der Af Chapman, dem JH-Segelschiff gegenüber des Schlosses und der Altstadt?

Herzlich Hausfrau Hanna

PS. Zum Glück werden wir mit den Jahren 'lite lite' reifer...;)

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Solches Landen auf dem Boden der Realität kann tatsächlich ab und zu auch unsanft sein,
liebe Marie
was der Begeisterung letztlich keinen Abbruch tut!
Wir bleiben, wie wir sind :))))

Herzlich Hausfrau Hanna

Quer hat gesagt…

Oh ja, das tönt wunderschön, Hausfrau Hanna, da bin ich ganz Ihrer Meinung.

Das Gedicht kannte ich übrigens (in deutscher Übersetzung) und finde es eines seiner anrührendsten. Umso schöner, es jetzt mal in der Originalsprache zu hören.

Herzlichen Dank dafür!
Liebe Grüsse,
Brigitte

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Von tiefer, anrührender Schönheit und Menschlichkeit ist das Gedicht 'Romanska bågar',
liebe Frau Quer,
und das nicht zuletzt auch dank der sehr sehr guten Übersetzung ins Deutsche!

Herzlich Hausfrau Hanna

Martin Winter hat gesagt…

"Af Chapman", genau.

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Wow! Af Chapman ist ja so etwas wie das Wahrzeichen Stockholms,
lieber Tinu,
auf dem ich gern einmal übernachten würde. Nur im Sommer natürlich!
Herzlich Hausfrau Hanna