Jugendliche Provokation

15.03.2014


Als Zehnjährige mussten wir in der Schule ein Frühlingsgedicht lernen von einem Dichter, der Alfred Huggenberger hiess.
Wahrscheinlich hätte ich ihn längst schon vergessen, wären da nicht zwei Zeilen des Gedichts zäh in meinem Gedächtnis haften geblieben.
Jedes Mal nämlich, wenn ich mich über Mutter und deren Forderungen ärgerte, sagte ich die beiden Zeilen provozierend, wenn auch halblaut, vor mich hin.
Dann ärgerte s i e sich.
Und ich machte mich schnell auf und davon und verkroch mich im Zimmer.
So wenig brauchte es damals...



PS. Hier nun das Gedicht - die beiden Provozeilen sind rot und fett hervorgehoben:

Der Frühling kommt

Drei Zwerglein läuten den Frühling ein,
mit weissen und gelben Glöcklein fein;
drei Elfen tanzen im Sonnenlicht,
lauschen, was der Märzwind spricht.
Kommt der Käfermann vor sein Haus,
putzt sich die Brillengläser aus:
"Was fangt ihr für nen Spektakel an,
dass unsereiner nimmer schlafen kann?
Ei - da guckt ja ein Veilchen herfür.....!"
Schleunig kehrt er sich gegen die Tür:
"Alte, hab ichs nicht immer gesagt?
Hurtig die Läden auf, es tagt!"
Wwwwupp, schon schlüpft die durchs enge Loch,
hinter ihr her drei Nachbarn noch;
tollen und überkugeln sich satt,
bis einer ein Beinchen zu wenig hat.
Frau Ameise fängt neben an
just ihren Bau zu flicken an:
"Dies windige Pack; man ärgert sich schwer;
weiss nicht, dass Kisten und Kammern leer;
faulenzt schon am ersten lieben Tag;
mich wunderts, wie das noch kommen mag!"
Hoch im Apfelbaum singt der Fink:
"Pinkepink, pinkepink;
der Kurier ist schon abgesandt;
er holt mir ein Weibchen aus Mohrenland!"
Professor Rabe - weiss nicht warum -
denkt heut auch nicht ans Studium:
"Wissen soll nun mal jedermann,
dass unsereiner auch singen kann:
Gloobuu, krahaaa; war das aber fein;
übers Jahr werd ich bei der Oper sein!"
Der Wind, er sitzt am Schattenrain;
stopft ein Stummelpfeifchen sich ein;
tut erst, als ging ihn alles nichts an;
aber schon fängt er zu laufen an;
hopphopphopp, über Stock und Stein;
ein Schmetterling gaukelt hinter ihm drein!"

Alfred Huggenberger 1867 - 1960




4 Kommentare:

Quer hat gesagt…

Mensch, das war aber eine zünftige Herausforderung für Zehnjährige, dieses ellenlange Gedicht auswendig zu lernen.
Da erstaunt es mich nicht, dass
Sie die beiden Zeilen als "Aufbegehrlichkeit" nutzten, liebe Hausfrau Hanna.
Und wie immer müssen natürlich die Mütter diesen Frust "einstecken"...
Aber so ist es nun mal gewesen.
Heute, so nehme ich an, entzündet sich der Aufstand der Jugend nicht mehr an Gedichtzeilen. :-)

Mit herzlichen Grüssen in einen feinen Sonntag,
Frau B.

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Ich staune ebenfalls,
liebe Frau Quer,
was und wieviel wir damals auswendig lernen mussten. Nicht nur Gedichte. Der Pfarrer hatte auch so seine Ansprüche mit Auswediglernen von Kirchenliedern...;)
Gelieben davon ist allerdings wenig.
Ja, die Mütter mussten damals schon und heute wohl noch mehr und Anderes 'einstecken'...

Herzlich Hausfrau Hanna

Anhora hat gesagt…

Du liebe Güte, das ist ja so schlimm wie "Die Glocke" oder "Der Zauberlehrling", die ich mal lernen musste. Aber wegen der 2 Zeilen in deinem Gedicht lohnt es sich allemal! ;-)

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Genau! Das waren die ellenlangen Gedichte von Schiller und Goethe,
liebe Anhora,
die zum Schulstoff gehörten. Allerdings ein paar Jahre später.
Auch von ihnen ist mir wenig geblieben... ;)

Herzlich in einen lyrischen Tag
Hausfrau Hanna