26.05.2020

Silentium oder bitte Ruhe!



Es war vor vielen Jahren.
Ich hatte mit meiner damaligen Klasse
(lebhaften sieben- und achtjährigen Mädchen und Buben)
abgemacht am Nachmittag bei der Dorfkirche.
Das schien mir der geeignete Treffpunkt zu sein
für die Monatswanderung durch den Wald zum Talweiher.
Als ich bei der Kirche ankam, traf mich beinahe der Schlag.
Die Kinder warteten nicht etwa brav, 
wie ich selbstverständlich angenommen hatte, 
auf dem Platz vor der Kirche -
sondern rannten auf dem Friedhof umher.
Sie machten Fangis um die Grabsteine herum.
Quietschten und schrien vor Lebensfreude.
Ich pfiff die Kinder zu mir.
Und erklärte ihnen, dass sie das nicht hätten tun sollen.
Ein Friedhof sei kein Spielplatz, sondern ein Ort der Ruhe.
Da sagte eines der Mädchen etwas, 
an das ich mich bis heute glasklar erinnere:
"Aber diä do (meint damit die Toten) chönne öis doch nümm ghöre."



PS. Die Geschichte kam mir unlängst wieder in den Sinn, als ich im Friedhof oben auf dem Hügel auf einer Bank sass und sinnierte...




23.05.2020

Gutes Raumgefühl...


Bei einem Spaziergang dem Rhein entlang in der Zeit des Shutdowns.
Ich schaue einer Entenmutter zu, 
die mit ihrem Nachwuchs einen Ausflug macht.
Die Kleinen bewegen sich so quirlig und lebhaft, 
dass ich dreimal ansetzen muss, um sie zu zählen:
Es sind sechs!

Der Ausflug in die Weite des Rheins hat sie wohl ermüdet.
Die Mutter bemerkt es und wechselt die Rolle: 
Sie übernimmt nun
 (nachdem sie zuvor die putzmuntere Schar nur begleitet hat)
ganz klar die Führung.
Ein Sprung!
Und schon steht sie auf der künstlich angelegten Steininsel.
Zuerst scheint sie die drei Erpel zu ignorieren.
Und ist ganz auf ihre Jungen bezogen.

Dann plötzlich geschieht etwas, was mich verblüfft.
Die Entenmutter dreht sich um und scheucht couragiert die drei 'Männer' weg.
Diese gehorchen und schwimmen davon...

Die Jungen sind noch zu klein und zu unbeholfen,
um es bis zur Mutter zu schaffen.
Sie bleiben unten auf dem schmalen Mäuerchen.
Werden ganz ruhig und schmiegen sich aneinander -
während die Mutter über ihnen die Umsicht hat
und so um sie herum wie einen Schutzraum bildet...


PS. Leider habe ich nicht herausgefunden, zu welcher Entenart die Familie gehört.

21.05.2020

Zwei Bitten


Heute ist Auffahrt.
Auf Baseldeutsch 'Uffahrt'.
Im christlichen Glauben wird daran erinnert,
dass Jesus zurückgekehrt ist zu seinem Vater im Himmel. 
Als Kind hat mich das Bild des mit weit ausgestreckten Armen
in den Himmel auffahrenden Jesus sehr beeindruckt.
Noch ist es nicht erlaubt, Gottesdienste zusammen zu feiern. 
Habe ich gestern im TV gehört.
Da das Wetter jedoch schön und warm ist,
bietet sich eine Wanderung an,
ein Spaziergang oder
 eine Ausfahrt ...

 Plakat am Rande eines Weizenfeldes mit einer Bitte



PS. Ich kann es mir nicht verkneifen und gebe ganz ungefragt allen, die heute im Auto unterwegs sind einen Rat: "Bitte ohne Auffahrt! Haltet Abstand!"


19.05.2020

Ins Klangbad getaucht



Musik ist die Stenographie des Gefühls.

Leo Tolstoi, 1828 - 1910, russischer Schriftsteller
(gelesen im Diogenes-Abreisskalender 2020)


Auf der Pfalz während des Shutdowns.
Eine junge Frau sass auf der Steinbank.
Auf ihrem Schoss hielt sie ein blechernes, 
aus zwei Klangschalen bestehendes Instrument.
Mit ihren Fingern und Händen 
erzählte sie eine Geschichte aus Klängen.
Das hatte etwas Beruhigendes, fast schon Meditatives.

Das Instrument ist übrigens ein 'Hang'.
Was Berndeutsch ist und 'Hand' bedeutet'.






15.05.2020

In Metall verewigte Liebesgeschichte...

Seit 35 Jahren lebe ich in Basel.
Ich meine, die Stadt gut zu kennen.
Aberdutzende Male bin ich über die Pfalz gegangen.
Und jetzt das!
Diese Woche sehe ich zum ersten Mal,
dass sich auf dem regennassen Kopfsteinpflaster etwas befindet,
das nicht zur Umgebung passt:
Es ist das dritte 'Ding' von rechts auf der drittuntersten 'Pflasterzeile'.

Ich beuge mich hinunter
zu der matt glänzenden, kleinen Messingplatte,
auf der in Grossbuchstaben etwas eingraviert ist:

PS.
Nach dem Lesen bin ich hell entzückt:
Jemand erinnerte sich hier an eine Liebesgeschichte,
die im März 1981 auf der Pfalz zwischen zwei Menschen begonnen hatte!
Wer waren Harald und Gabriele?
Woher kamen sie?
Heirateten sie? Bekamen sie Kinder?
Hielt die Ehe?
Fragen...
Zu einer Liebesgeschichte vor fast 40 Jahren...




14.05.2020

Bewegte Denkanstösse


An der Aussenwand des Theaters Basel erschien auf einem rosa Band ein kurzer Satz, der für einen Moment still stand, sich auflöste und dann einem neuen Satz Platz machte. Ich las mit:

Nur Mut, nicht alles ist verloren.

Was ist der Fortschritt?

Es kann noch alles gut kommen.

Das ist sie jetzt: Die neue Welt!

PS. 
Bewegte Denkanstösse in der Zeit des Shutdowns -
der heruntergefahrenen, stillgelegten Zeit...



13.05.2020

Durch die Scheibe (5)

Gestern.
Der zweite Tag nach der Lockerung des Lockdowns.
Die Innenstadt ist zwar nicht proppevoll wie an einem Samstag,
aber es sind deutlich mehr Menschen unterwegs als die acht Wochen zuvor.
Alle wollen shoppen.
Ich bleibe oben an der Freien Strasse beim grossen Brunnen stehen
und schaue eine Weile dem Treiben zu.
Dann gehe ich den fast menschenleeren Münsterberg hoch.
Und sehe, dass die Türe zur Galerie 
(mit der Skulptur der Tänzerin hinter der Scheibe)
sperrangelweit offen ist.

Die Galeristin entdeckt mich und tritt auf mich zu:
"Kommen Sie doch herein! Ich bin am Vorbereiten für die Öffnung am Donnerstag."
Ich schaue mich eine Weile um in der kleinen Galerie.
Die Werkausstellung zum 125.Geburtstag
des Basler Künstlers Alexander Zschokke
beeindruckt mich - sie ist schlicht wundervoll.
Ich frage, ob ich ein Bild des Schaufensters machen darf.
Und ich darf!
Ist 'Die dralle Tänzerin' erkennbar... ;)

PS. Die Galerie am Münsterberg ist ab morgen Donnerstag wieder geöffnet.
PPS. Ich werde nochmals hingehen und mir die Werke in Ruhe anschauen.
PPPS. Am 23.Mai ist die Finissage der Zschokke-Ausstellung!





12.05.2020

Hinter der Scheibe (4)


Das Stolpern
zu einem Teil
des Tanzes machen

Anna Maria Keller, 1967, Schweizer Lyrikerin
(aus dem Gedicht Survival kit)




PS. 'Die dralle Tänzerin' im Schaufenster der Kunstgalerie freut bestimmt auch, dass seit gestern die Kunstmuseen und Galerien wieder geöffnet sind...