Zwischen zwei Haltestellen (110)

29.08.2018


Gestern Morgen im gut besetzten Regiozug hinaus aufs Land.
Es ist für mich immer wieder aufs Neue spannend, Gespräche oder Gesprächsfetzen mitzubekommen von Zugreisenden, die ich nicht sehe. Ich stelle mir dann vor, zu wem die körperlose Stimme gehören könnte.
Gestern etwa höre ich die Stimme eines älteren Mannes, der im Abteil vor mir das Wort führt.
Ich achte mich nicht auf den Inhalt.
Ein Satz jedoch bleibt bei mir hängen: "Im Alter, wenn nümm schaffsch, chömme d'Bräschte."
Dann zählt er alle seine Bresten der vergangenen Zeit auf. Es sind einige.
Ganz am Schluss jedoch meint er und seine Stimme tönt hoffnungsvoll und bestimmt zugleich:
"I wird glich hundertzwänzgi!"




Abschied vom Lande

28.08.2018


Heute und morgen 
gibt es nochmals Temperaturen um die 30 Grad in der Stadt.
Wohl das letzte Mal in diesem Sommer.
Ich fahre hinauf ins kleine Dorf auf dem Land
und nehme Abschied... 




Ein Sommerabend. Der Himmel, der
tagsüber blau war, mit weissen Wolken,
ist bleich geworden, die Wolken wie Rauch.
Ich sehe zu, wie es dunkelt.

Heiss war's. Jetzt aber rauscht es kühl.
Ich weiss nicht, sind es
der Wind in den grossen Bäumen oder
Gartenschläuche, den Rasen besprengend.

Am Haus gegenüber gehn Lichter an:
eins nach dem andern
schneiden sich gelbe Rechtecke aus
der dunkelnden Silhouette.


Mani Matter, 1936 - 1972
aus 'Was kann einer allein gegen Zen Buddhisten', Zytglogge Verlag 2016



Tanzfrohes zum Wochenende

26.08.2018



1979.
Ich war zum ersten Mal in Schweden in den Ferien.
An der Westküste.
Auf einer Insel in Bohuslän nahe bei Göteborg.
Wir waren eine grosse Gruppe tanzfroher Frauen und Männer.
Und lernten schwedische Volkstänze.
Der Tanzlehrer hiess Birger.
(Was 'Birjer' ausgesprochen wird)
Er lehrte uns den nicht ganz einfachen Hambo derart gut -
ich könnte ihn heute noch tanzen.
Mit einem schrittkundigen, führungsstarken Partner allerdings... ;)





PS.  Mit einer live gespielten Polska vom diesjährigen 'Allsång på Skansen', die den Namen 'Grossmutters Brautpolska' trägt, wünsche ich allerseits einen tanz frohen Sonntag.

PPS. Viel Vergnügen oder mycket nöje!




Aufgehoben

25.08.2018


Im Dorf,
(in dem ich die heissen Sommertage verbringe)
hat es eine sehr schöne gotische Kirche, die tagsüber geöffnet ist.
Für alle, die eine Weile einkehren oder die alten Wandfresken betrachten wollen. 
Wenn es der Zufall will und die Organistin an der Orgel Choräle übt, 
setze ich mich still in eine Kirchenbank und fühle mich
einen Augenblick lang wie aufgehoben...



PS. Unterdessen hat es abgekühlt.
PPS. Ich bin zurück in der Stadt.



ABC oder D: Hausfrau Hannas Lieblingsquiz

21.08.2018


Gestern Abend.
Ich schaute das Ratequiz "Wer wird Millionär" auf RTL.
Nach der Sommerpause wurde es zum ersten Mal wieder ausgestrahlt.
Ich mag diese Sendung. Auch wegen des Moderators.
Manchmal stocke ich schon bei einer einfachen Frage.
Manchmal komme ich weit.
Eine Million Euro hätte ich allerdings noch nie gewonnen.
In der letzten Sendung vor der langen Sommerpause 
wurde eine 4000 Euro-Frage gestellt, 
bei der die Antwort förmlich aus mir herausplatzte:


"Welchen dieser Einträge gibt es auch in der "-mann"-Variante im aktuellen Rechtschreibeduden?"

A Hausfrau
B Klofrau
C Powerfrau
D Meerjungfrau




PS. ABC oder D: Nun ratet schön!
PPS. Wer regelmässig hier in Hausfrau Hannas Blogstübchen mitliest, ist leicht im Vorteil... ;) 



Begegnung auf dem Bahnhofsplatz

19.08.2018


Gestern auf dem Bahnhofsplatz. Ich warte aufs Tram.
Ein gut fünfzigjähriger Mann, der an zwei Stöcken geht, 
kommt auf mich zu und spricht mich in seinem Oberbaselbieter Dialekt an:
 "Heit dir nit vier Franke für mi?" 
Ich blicke in freundliche, verschmitzte Augen.
"Ein Lastwagen ist mir über den Fuss gefahren. Jetzt brauche ich einen Kaffee!"
Ich bin derart überrascht, dass ich nicht anders kann und lachen muss.
"Sie sind gut", sage ich zu ihm, 
"eine solche Begründung habe ich noch nie gehört!"
Im Portemonnaie finde ich nur einen Zweifränkler und frage ihn, ob der reiche.
Der Mann nickt und meint, das sei immerhin ein Anfang...



PS. Solche Menschen sind selten - ich mag sie:)




Insel der Zeit

18.08.2018



Där är havet.
Där är stranden.
Här är min ö.
(...)

Dort ist das Meer.
Dort ist der Strand.
Hier ist meine Insel.
(...)


Basler Münster und Fähre


PS. Es muss nicht immer eine Insel am Meer sein.
PPS. Manche haben ihre Insel am Fluss.
PPPS. Und wieder andere am Bächlein...

Das Spiegelbild

16.08.2018


Nach dem kurzen Regenschauer.
Eine Pfütze ist entstanden.
Häuser spiegeln sich darin.


Warum nur stehen sie auf dem Kopf?  




Im Fluss (3)

15.08.2018



Das Gedicht der in Riehen bei Basel wohnenden Lyrikerin und Schriftstellerin Ingeborg Kaiser schrieb mir eine Freundin vor vielen Jahren auf eine Geburtstagskarte. Schaue ich einem gegen den Strom paddelnden Ruderer nach,  kommt es mir unwillkürlich wieder in den Sinn:



rudern
gegen den
strom beharrlich und
langsam mit
blossem auge die
ufer sehen vögel
und steine endlich
anlegen bei
sich


Ingeborg Kaiser, 1930
aus 'manchmal fahren züge' Gedichte orte-Verlag 1983








PS. Ich selbst mag nicht mehr gegen den Strom rudern, das ist mir zu mühsam. Ich lasse mich lieber vom Wasser und von den Wellen sanft schaukelnd mittragen.

PPS. Auch so kann ich bei mir anlegen... 


Im Fluss (2)

14.08.2018


Am vergangenen Freitagnachmittag.
Ich gehe dem Rhein entlang. 
Die angenehmen Temperaturen lassen es zu.
Vor dem Hotel 'Krafft'
(wo einst Hermann Hesse ein Zimmer in Dauermiete hatte)
bleibe ich stehen und schaue dem Treiben auf dem Floss im Fluss zu.
Seit 20 Jahren organisiert dort ein Basler Kulturmann abendliche Live-Konzerte.
Zuvor wird die schwimmende Bühne von einer Crew hergerichtet.
Ein Bub mit einer roten Kopfbedeckung ist einer der Helfer.
Sicher und geübt zieht er das grüne Kanu am Drahtseil an den Steg am Ufer.
Dort nimmt er von einer Helferin ein Paket in Empfang und setzt wieder über.



PS. Am Abend gaben übrigens die 'Original Blues Brothers' ein begeisterndes Konzert auf dem Floss.
PPS. Die Leute sassen dicht an dicht auf den Steinstufen, die hinunter zum Rhein führten.
PPPS. Wir standen, zusammen mit anderen Zuspätgekommenen, etwas abseits auf der Brücke.
PPPPS. Dort sahen wir zwar nicht viel vom Geschehen auf der Bühne.
PPPPPS. Aber Soul und Blues fuhren ein. Und wie!

Im Fluss (1)

13.08.2018


Am Freitagnachmittag bei der Mittleren Brücke.
Er nahm Anlauf, sprang ab und schien übers Wasser zu fliegen.
Der junge R(h)einspringer war in seinem Element...




PS. Für einmal erwischte ich den genau richtigen Moment ;)




Insel der Musse

09.08.2018


Am Flughafen Arlanda in Stockholm gab ich meine letzten Kronen aus.
Für Taschenbücher.
Jetzt habe ich Zeit und Musse. Jeden Morgen setze ich mich unter das Blätterdach des Holunderbaumes.
Ich, die keine Reisende bin, lese vom Reisen.
Ein spannend, ein kritisch, ein leidenschaftlich geschriebenes Buch des schwedischen Autors Per J. Andersson:

För den som reser är världen vacker.
Für den, der reist, ist die Welt schön.






PS. Das Buch ist übrigens unter dem Titel 'Vom Schweden, der die Welt einfing und in seinem Rucksack nach Hause brachte' auf Deutsch erhältlich.

PPS. Naja, die Übersetzung ist Geschmacksache...


Kleine Nachrichten...

08.08.2018


Ein Hitzetag reihte sich während der vergangenen zwei Wochen an den andern.
Ich bekam in dieser Zeit von befreundeten Stadtbewohnerinnen kleine Nachrichten per WhatsApp, in denen sie mir schrieben, was sie dem städtischen Glutofen entgegen setzten.
Eine setzte sich in einen gekühlten Zug mit einem spannenden Buch und fuhr lesend irgendwohin. 
Eine andere spazierte frühmorgens um 6.00 dem Rhein entlang, kühlte am Schluss in der Kneippanlage die Füsse und Beine und war, wenn die Sonne erschien, wieder zuhause.
Und wiederum eine machte eine Wanderung in die Berge und liess sich den kühlen Gletscherwind um die Wangen streichen.



PS. Wie habe ich bloss vor WhatsApp gelebt... 



Wie in Schweden!

07.08.2018


Am Abend spät, wenn die grösste Hitze vorbei ist, machen wir immer einen Spaziergang durchs Dorf und gehen dann weiter über einen der umliegenden, sanften Hügel.
Wenn die Sonne am Horizont untergeht, stellt sich ein Gefühl des Friedens ein.
Ich brauche diese abendliche Bewegung.
Manchmal kommt es spontan zu einem Schwatz mit einem Dorfbewohner, einer Dorfbewohnerin.
Auf einer der ausgetrockneten Weiden drängen sich blökende Schafe an den Zaun, als ob sie etwas von uns erwarteten.
Manchmal bellt ein Hund, wenn wir uns nähern.
Oder eine Katze streicht um unsere Beine.
Das ganz Besondere an diesem kleinen Dorf ist jedoch, dass sich seit jeher alle mit dem Vornamen ansprechen und duzen: Kinder, Jugendliche, junge, ältere und alte Menschen.




PS. Wie in einem Dorf in Schweden... :)



Die alte Ziege der Kindheit

04.08.2018


'Die alte Ziege meiner Kindheit'
... und das schleckt keine Geiss weg,
ist eines meiner Lieblingslieder auf Französisch:
Pour vous, Madame Smilla, au plaisir!





La vielle chèvre de mon enfance
Qui me donnait envie d' pleurer
Chaque fois qu'on peine pour avancer
J'y pense
Elle était lenteur et silence
Comme on lui avait appris
Quand on court et quand on crie
J'y pense.





"Traumsommer"

03.08.2018


Es war im April,
wie ich mich zu erinnern meine.
Der Chef der 'Meteosendung' persönlich stand auf dem Dach
und handelte das aktuelle und kommende Wettergeschehen ab.
Am Schluss stellte er launigfröhlich die Frage,
ob uns wohl in diesem Jahr ein 'Traumsommer' erwarte.
Ich zuckte zusammen.
Was meinte er mit einem Traumsommer?
Ich hätte ihn gern persönlich gefragt und
ihn dann inständig gebeten, künftig sorgfältiger zu formulieren.
Und sich bewusst zu sein, dass Sprache Wirkung hat.




PS. Und sich jeder und jede unter einem 'Traumsommer' etwas Anderes vorstellt...




Schweizereier

01.08.2018


Gestern im Dorfladen.
Ein munterer, etwa vierjähriger Knirps steht neben mir. 
Er zeigt auf die rotweissen Eier im Gestell.
"Das si Schwizer Eier", klärt er mich auf,
"wil's äs Schwizer Chrüz druff hett! Die hett dr Oschterhas brocht."
Ich frage ihn, ob er wisse, warum es im Laden gerade jetzt solche Eier habe.
Er schaut mich stumm an und schüttelt den Kopf.
Ich erkläre es ihm.



PS. Die Schweiz feiert heute ihren Geburtstag.

PPS. In diesem Sinn: Habt einen schönen 1.August!