Die Schweden sind stolz auf ihr Land, auf sein Sozial- und Wohlfahrtssystem, auf sein Bildungswesen.
Zugleich haben sie auch ein etwas reserviertes Verhältnis zu allem, was nach Nationalstaat aussieht.
Und sie sind zudem äusserst genuegsam.
Es ist nämlich sehr, sehr selten, dass neue ´röda dagar´ (Festtage, freie Tage) in die Agenda aufgenommen werden.
Der Nationalfeiertag, der 6.Juni, als gesetzlicher Feiertag existiert daher erst seit fuenf Jahren.
Die schwedischen Politiker taten sich schwer mit diesem Entscheid, und der Vorschlag wurde ueber mehrere Mandatsperioden hin- und hergeschoben...
Und fuer den arbeitsfreien Nationaltag wurde der bis dahin freie Pfingstmontag geopfert...
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10 Juni 2010
Moral...
Was bei uns umständlich und muehsam eingefuehrt wurde, gilt in Schweden seit fuenf Jahren:
Das Rauchverbot in allen Restaurants (krogen).
Die Schweden dachten sich wahrscheinlich, dass etwas, was in Irlands verrauchten Pubs funktionierte, auch in einer schwedischen ´krogen´ funktionieren muesse.
Das funktionierte nicht nur reibungslos:
Alles wurde besser seit dem ´rökstopp´, wenn man der aktuellen Umfrage in der Presse glaubt.
Das staatliche Volksgesundheitsinstitut (´statens folkhälsoinstitut´) schielt nun auf neue Orte, die rauchfrei gestaltet werden können:
-Bahnhöfe und Perrons
-Boulevardrestaurants
-Ambulante Hilfsdienste (´hemtjänsten´)
und...
... Kinderspielplätze!
(Quelle ´Dagens Nyheter´)
Spielplatz auf Skansen
03 Juni 2010
Systembolaget
"Alkohol ist in Schweden schwer erhältlich und sauteuer", werde ich vor meiner Abreise nach Schweden noch aufgeklärt.
Nun stehe ich also in einem dieser staatlichen Alkoholläden, einem ´systembolaget´ und betrachte all die Flaschen, die in Reih und Glied in Glasvitrinen ausgestellt sind.
Ich will eine Flasche Rotwein und eine Flasche´bubbelvin´fuer Elisabeths Geburtstag kaufen.
Jede Flasche ist mit einer Zahl versehen und Geruch und Geschmack des Inhalts sind huebsch beschrieben. Natuerlich fehlt auch der Preis nicht.
Als ich mich entschieden habe, schreibe ich mir die beiden Zahlen auf einen Zettel (sicher ist sicher!) und ziehe eine Nummer.
Dann warte ich, bis meine Nummer aufleuchtet.
Dieses System ist in Schweden ueblich. Das Anstehen in langen Schlangen auch. Bereits Kinder haben das verinnerlicht und warten schon mal 20 Minuten fuer eine Glace.
(Mein ungeduldiges Schweizergemuet hingegen wird hier ab und zu auf eine harte Probe gestellt...).
Nun jedoch bin ich dran.
Die Frau an der Theke verschwindet in einem Lagerraum und kommt rasch mit den beiden Flaschen zurueck. Und soooo teuer sind die nicht einmal.
Da habe ich mir von den Schwedentouristen einen nordischen Bären aufbinden lassen!
PS. Wahrscheinlich war ich zufällig in einem der noch altmodischen ´systembolaget´.
Unterdessen habe ich nämlich bemerkt, dass die meisten Alkoholläden Selbstbedienungsläden sind.
Mit Einkaufskörbchen. Und der Alkohol greifbar...
Bonuspunkte...
Ich kaufe hier im Zentrum von Bagarmossen immer im COOP/Konsum ein.
Natuerlich nicht nur deshalb, weil es so vertraut tönt, sondern weil der genossenschaftlich organisierte Supermarktriese auch ein grosses Angebot an Bioprodukten hat.
(Uebrigens heisst biologisch auf Schwedisch ´ekologisk´- wenn auf einer Tafel gross ´BIO´steht, ist es ein Kino...;-) )
Da ich meine COOP-Superpunktekarte zuhause in der Schweiz gelassen habe, gerate ich also nie in Versuchung, sie an der Kasse hinzustrecken.
Letzte Woche nun passiert mir Folgendes:
Der freundliche, etwas schuechtern wirkende Kassier fragt mich doch tatsächlich, ob ich eine Kundenkarte wolle, mit der ich Rabatte habe und Bonuspunkte sammeln könne...
Ich erkläre ihm, dass ich Ende Juni wieder nach Hause fahre.
Und dann tut es mir einen Moment leid um die vielen schönen Punkte.
Und all die Sockenwolle, die ich damit hätte kaufen können...
Unterschiedliche Sicht
Montags, mittwochs, freitags ist Schwedischunterricht: Bei Gull-Britt!
Wir sind eine internationale Gruppe von 12 sehr unterschiedlichen Menschen.
Eine Gemeinsamkeit haben wir: Wir alle wollen Schwedisch lernen.
Ausser mir leben alle in Stockholm.
Es sind Menschen aus Deutschland, China, Russland, Italien, Litauen, Jordanien und aus dem Iran.
Die meisten verbringen arbeitshalber einige Jahre in Stockholm.
Zwei Männer, beide Mitte dreissig, kommen aus dem Iran.
Der eine studiert hier, der andere arbeitet an der Universität.
Sie erzählen mir von der schwierigen Situation und der Perspektivelosigkeit im Iran.
Fuer beide ist ein Leben im Iran unvorstellbar, und so hoffen sie, in ein paar Jahren die schwedische Staatsbuergerschaft zu bekommen. Und dann hier bleiben und leben zu können.
Ich spuere unter ihrer Zuversicht und ihrer tapferen, positiven Einstellung Heimweh.
In einer Pause zwischen zwei Unterrichtseinheiten höre ich einer lebhaften, auf Englisch gefuehrten Diskussion zu. Eine junge Frau aus der ehemaligen Sowjetunion, die mit einem Schweden verheiratet ist, erklärt in deutlichen Worten, was ihr hier Muehe bereitet (nein, es ist nicht das Wetter...).
Es ist das engmaschige Wohlfahrts- und Sozialsystem, das auch Arbeitsunwillige unterstuetzt.
Und es sind die hohen Steuern.
"You will be killed by the taxes!" höre ich sie sagen.
"Killed?" antwortet einer der beiden Iraner.
Sonst sagt er nichts.
Er wiederholt es noch zweimal.
Mit einem ungläubigen Ausdruck in seinen Augen...
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