Zwischen zwei Haltestellen (10)

07.04.2010

Gründonnerstag.
Das Tram ist recht gut besetzt. Zwei Reihen vor mir sitzt ein attraktiver, schwarzgekleideter Mann.
Seinen linken Arm hat er über die Rücklehne gelehnt, die Beine lässig übereinandergeschlagen.
Er spricht in sein Natel in dieser raumfüllenden Präsenz, die Menschen haben, die von sich überzeugt sind. 
Ich kann seinem im Walliserdialekt geführten Gespräch mühelos folgen und höre heraus, dass er mit einem erwachsenen Kind über dessen psychisch kranken Vater spricht. Dieser weigert sich offenbar, Hilfe anzunehmen. 
Und nun erörtert mein tramfahrender Existenzphilosoph, er ist wohl Sozialarbeiter, sämtliche Massnahmen, die man in dieser schwierigen Situation ergreifen könnte.
Es ist von Entmündigung die Rede und von einer Einweisung in die Klinik, die er namentlich nennt.
All das wird ausgebreitet. Laut und deutlich. Im öffentlichen Raum.
Ich steige aus und mit mir noch eine andere Frau.
Das Schicksal des mir unbekannten, alten Mannes geht mir nah.
Und so sage ich zur Frau: "Vor einiger Zeit noch hat man solche Gespräche im geschützten Raum eines Büros geführt. Heute wird das öffentlich gemacht, jederzeit und überall."
Die Frau schaut mich an und ergänzt: "Ja, und die ganze Zeit habe ich gedacht, dass es mir vielleicht auch einmal so geht.  Und diese Vorstellung finde ich demütigend."

8 Kommentare:

BodeständiX hat gesagt…

"... dass es mir vielleicht auch einmal so geht. Und diese Vorstellung finde ich demütigend."

Bingo. Es ist bitterkalt in der Schweiz.

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Nicht nur,
lieber BodeständiX,
häufig erlebe ich auch Anderes. Aber dieser für mich nichtalltägliche Zwischenfall hat mich doch sehr geärgert :-(
Und ich habe mir wieder einmal vorgenommen, mich mehr einzubringen, bzw. einzumischen...

Trotzdem einen schönen Frühlingsabend
Hausfrau Hanna

Bobsmile hat gesagt…

Ganz klar fehlende Kommunikations-, bzw. Medienkompetenz unserer Gesellschaft. Ich wurde schon von plappernden Bluetooth - Headset - Trägern direkt angestarrt. Ich dachte dann, der redet mit mir. Bäh, wie ich das hasse!

Werden Vertraulichkeiten in der Öffentlichkeit unter vier Augen ausgetauscht, so geschieht das normalerweise in gedämpftem (schwer verständlichen) Tonfall. Hat Homo-sapiens aber ein iDingens am Ohr, wähnt er sich in einer schützenden Glocke.
Verrückt so was. Ich habe für "psst, psssst, - er/sie telefoniert doch gerade" im Abteil schon Schmunzler geerntet. Amüsant, wenn es nicht so ernst wäre ...

@BodeständiX
Im EU Land ist's bei diesem Thema wohl nicht wärmer. :-)

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Lieber bobsmile,
ja, dieses mangelhafte Raumgefühl bei öffentlich Telefonierenden fällt mir ebenfalls auf.
Manchmal belustigt es mich. Manchmal finde ich es unglaublich, was alles öffentlich preisgegeben wird, das in den Privat- und Intimraum gehört.
Und manchmal ärgere ich mich masslos.
So wie hier!

Einen Tag o h n e solche Belästigungen wünscht dir
Hausfrau Hanna

Zappadong hat gesagt…

Ich höre in letzter Zeit immer öfters solche Gespräche mit ... unfreiwillig. Und manchmal frage ich mich, ob ich aufstehen soll, der sprechenden Person vorsichtig gegen die Schulter klopfen und sagen: "Entschuldigung, Sie wissen schon, dass ALLE hier drin Sie hören können?"

Hausfrau Hanna hat gesagt…

JA!
Genauso,
liebe Frau Zappadong,
werde ich es das nächste Mal tun. Mir persönlich gefällt und entspricht die von Ihnen vorgeschlagene Form der Einmischung und Ansprache:
Höflich. Direkt. Klar.

Einen schönen Abend noch
Hausfrau Hanna

Thinkabout hat gesagt…

Liebe Hausfrau Hanna
Dieser Text ist für blogbibliothek.ch vorgeschlagen worden. Leider finde ich auf Deinem Blog keine Mail-Adresse.
Kannst Du Dich mit mir in Verbindung setzen?
kurt ät blogbibliothek punkt ch
Danke Dir.

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Lieber thinkabout,
tack så mycket fuer deinen Kommentar. Ich freue mich, dass dieser Beitrag vorgeschlagen ist fuer die Blogbibliothek :-)
Meine Mailadresse ist hausfrauhanna(at)bluewin.ch.
Ich bin im Moment in Schweden und bleibe zwei Monate. Und sitze im Moment ziemlich hilflos in einer Bibliothek vor einem Computer und versuche mich zurechtzufinden...
Ich hoffe, dass du irgendwie diesen Kommentar lesen kannst...
Ziemlich verwirrt gruesst dich
Hausfrau Hanna