Zwischen zwei Haltestellen (75)

05.05.2015


Gestern Nachmittag im Tram zum Bahnhof.
Ich steige am Aeschenplatz ein und setze mich auf den freien Platz neben einer gepflegt aussehenden Mittvierzigerin, die auf ihren Knien eine schicke Lederhandtasche balanciert.
Perfektes, unaufdringliches Make up.
Millimeter genau sitzender Kurzhaarschnitt.
Aparte Brille.
Hinter uns ertönt die Stimme einer Frau: "Bitte, por favor, eine kleine Gabe für die Musik!"
Die Sängerin, sie ist bekannt für ihre Gesangseinlagen im Tram, zwängt sich mit einer Büchse in der Hand durch die dicht an dicht stehenden Leute.
Niemand gibt etwas.
Dennoch sagt sie repetitiv und freundlich ihr auswendig gelerntes Sprüchlein, das sie mit einem genauso freundlichen:" Merci beaucoup! Gracias! Dankeschön!" beendet.
Als sie bei uns vorbeigeht, sagt die Dame neben mir:
"Die sollte besser Simonetta Sommaruga um Geld angehen!"
Hoppla. Ich antworte nicht.
Steige jedoch leise verwirrt am Bahnhof aus und denke:
"Wahrscheinlich hat die Dame in mir eine Gleichgesinnte vermutet..."



PS. Zum besseren Verständnis für NichtschweizerInnen: Simonetta Sommaruga ist Schweizer Bundesrätin und in der SP. Sie ist Vorsteherin des Polizei- und Justizdepartements.


4 Kommentare:

Quer hat gesagt…

Solche Beobachtungen bringen eine/n doch sehr zum Nachdenken, mit und ohne Begleitmusik...

Ihnen einen guten Tag, liebe Hausfrau Hanna!

Frau Quer

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Irritiert u n d nachdenklich zugleich,
liebe Frau Quer,
und irgendwie auch leicht fassungslos,
dass (dem Äusseren nach zu schliessen) Gutsituierte so dummes Zeug von sich geben...

Auch Ihnen einen guten Tag, liebe Frau Quer!
Hausfrau Hanna

Martin Winter hat gesagt…

Eine Zeit lang habe ich immer ein paar Äpfel im Rucksack mitgetragen. Nicht nur als Zwischenmahlzeit, sondern auch für den Fall, dass ich angebettelt werde. Der Apfel ist immer gut angekommen.
Wenn man nichts geben will oder kann - das ist auch ganz in Ordnung - dann reicht lächeln und Kopf schütteln.
Gruss, tinu

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Jetzt habe ich breit gegrinst,
lieber Tinu,
bei der Vorstellung deines äpfelbestückten Rucksacks...
Und da ein Apfel pro Tag gesund ist und dem Sprichwort nach den Arzt erspart, hast du auch noch etwas Gutes bewirkt...;)

Mit einem Lächeln grüsst
Hausfrau Hanna