Zwischen zwei Haltestellen (45)

13.05.2013

Gestern Sonntag.
Am Marktplatz steigen wir in ein Tram, das zum Bahnhof fährt. Wir setzen uns in die vorderste Sitzreihe.
Hinter uns eine Frau, die ich nur flüchtig wahrnehme. Sie beginnt in einer angenehmen Lautstärke zu sprechen und zuerst meine ich, sie führe ein Telefongespräch.
Aber so ist es nicht.
Sie gibt einfach jedem Gedanken seinen freien Weg hinaus. Und das tönt erst mal grob: "Shit,en Blogg!"
Ich werde aufmerksam und sehe ihn tatsächlich. Den Scheissblock.
 "Das hier sind Häuser mit Herz. Wunderschöne Fresken. Wandmalereien."
Mein Blick wandert hoch zu den Häusern, an denen ich sonst achtlos vorbeigehe oder -fahre.

"Barfuss. Barfussgehen. Barfüsserplatz. Ich habe es lieber kleiner. Da hätte einmal ein neues Casino gebaut werden sollen. Aus Ägypten war die Architektin. Ganz grauenhaft. Etwas Schlimmeres habe ich nie gesehen."
Stimmt! Ich war ebenfalls froh, als die Abstimmung bachab ging und der Platz nicht verbaut wurde mit einem riesigen, den Ort völlig verändernden Stadtcasino. Aber die  Architektin war aus dem Irak. Da täuscht sich die Frau.

"Ovarien. (buchstabiert) O.v.a.r.i.e.n sind Eierstöcke. Oktavien. Oktopus. James Bond. Bondaktien. Giesskannenprinzip. Lohnprinzip. Lohnbonus. 13.Monatslohn. Bonsai. Samurai."

Ich bin fasziniert. Die schöne, weichklingende Stimme hinter mir hüllt mich ein. Und die kreativen Wortschöpfungen ziehen mich in den Bann. Ich hätte noch lange so weiter- und zuhören mögen.
Leider sind wir viel zu schnell am Bahnhof.
"Station. Steischn. Stazion. Stop."
Klein und zart ist sie, die gut fünfzigjährige Frau.
Und sie hat etwas von einer Elfe, wie sie da vor uns aussteigt und in ihren schwarzweissen Turnschuhen über den Bahnhofsplatz eilt.

2 Kommentare:

wildgans hat gesagt…

Bemerkenswerte, schöne Begegnung...Wie schauten wohl die "Leute"?

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Eine Mitpassagierin sah ich lächeln,
liebe Frau Wildgans,
sonst bekam ich nichts mit von eventuellen Reaktionen.
Die Frau jedoch, diese elfenhafte, anrührende Erscheinung, bleibt mir gespeichert. Und vielleicht treffen wir uns wieder einmal unterwegs...

Herzlich Hausfrau Hanna