07.08.2011

Ein besonderes Notizbuch


Ich sprach mit einem 82-jährigen Mann auf der Abteilung für weglaufgefährdete, demenzkranke Menschen. Meistens, wenn ich auf der Abteilung bin, sitzt der Mann dösend oder schlafend in seinem Lehnstuhl. Gestern aber war er wach und auch gesprächig.
Er berichtete mir viel aus seinem langen Berufsleben. Und irgendwann liess er den Satz fallen:
"Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich bin ein altes Notizbuch."
Mich hat dieser Satz dermassen berührt, es ist ein so treffendes Bild: Das alte Notizbuch, vergilbt, abgegriffen, etwas zerfleddert, einzelne Seiten eingerissen, aber vollgeschrieben mit Erinnerungen, wenn auch zum Teil verblasst.
Als ich mich von dem Mann verabschiedete, habe ich mich ausdrücklich bedankt für das Notizbuch, für sein Notizbuch.



PS. Und ich bedanke mich bei meinem Freund Katino, dass er mir diese Geschichte aus seinem Berufsalltag erzählt hat und dass ich sie hier veröffentlichen darf.
Allerseits einen guten Sonntag wünscht
Hausfrau Hanna

Kommentare:

  1. Sehr berührend, deine kurze Geschichte. Ich habe Kontakt zu einem 87-jährigen, über den ich schon mal schreiben durfte. Er sagte mir mal, sein Kopf sei voller Bilder, wenn er nur wüsste, wie er sie den Leuten zugänglich machen könnte.
    Der Senior kann auf ein sehr bewegtes Leben als Landwirt zurückschauen und erinnert sich an beneidenswert viele Details aus seinem früheren Leben. Es ist so spannend, ihm zuzuhören.

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  2. Hallo,
    ich weiß gerade nicht so genau, wie ich hierher gelangt bin. Von dort nach da gelinkt und hier steckengeblieben. Als ich Deine Geschichte las hatte ich sofort ein sehr schönes Bild vor Augen, das paradalis gerade gepostet hat: http://paradalis.wordpress.com/2011/08/03/es-war-einmal/
    Es ist bedauerlich, dass alten Menschen nur selten die Zeit eingeräumt wird, die sie brauchen, um ihre Geschichten zu erzählen. Dabei vergessen wir leider auch, dass UNS genau diese Zeit vielleicht nicht mehr bleibt.
    Freundliche Grüße
    Elvira

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  3. Hausfrau Hanna08.08.2011, 09:40:00

    "Den Kopf voller Bilder" hat der alte Bauer,
    liebe Bea,
    und lässt dich teilhaben an diesem seinem Reichtum. Solche Begegnungen, so man sich darauf einlässt, sind bereichernd.

    Herzlich grüsst dich
    Hausfrau Hanna

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  4. Hausfrau Hanna08.08.2011, 09:46:00

    Manchmal sind die Wege wirklich nicht mehr nachvollziehbar,
    liebe Elvira,
    über die man im Internet gegangen und dann irgendwo gelandet ist;-)
    Schön,dass du zufällig beim Surfen hieher gefunden hast.
    Und danke für deinen Link und deine Gedanken.

    Herzlich Hausfrau Hanna

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  5. eine sehr berührende Geschichte. Das Notizbuch "bleibt hängen.

    Gruß, Tine

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  6. Danke für den Kommentar,
    liebe Tine,
    ich komme soeben von deinem 'Doppelblog', wo ich mich festgelesen habe... :-)

    Herzlich Hausfrau Hanna

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  7. Man kann dem alten Herrn nur wünschen, daß er möglichst lang Zugang zu seinem Notizbuch hat.

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  8. Dem kann ich,
    liebe (oder lieber) Noga,
    von Herzen nur beistimmen!

    Herzlich Hausfrau Hanna

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