03.05.2018

Zwischen zwei Haltestellen (107)

Gestern.
Ich steige auf dem Bahnhofsplatz ins Tram ein und setze mich ganz vorne hin. Die Einkaufstasche stelle ich auf die freie Stelle vor meine Füsse.
Eine gross gewachsene, schlanke Frau, etwas über vierzig, will sich offensichtlich auch keinen langen Weg durchs Tram zumuten und sich weiter hinten einen freien Sitzplatz suchen.
Ohne ein Wort zu sagen, zwängt sie sich auf den Sitz mir gegenüber und drapiert ihre endlos langen Beine schräg hin.
Um der Frau mehr Platz einzuräumen, nehme ich, ebenfalls wortlos, meine schwere Tasche vom Boden hoch und platziere sie auf meinen Beinen.
Die Frau mit dem blonden Haarknoten schenkt mir keine Beachtung, sie hat bereits ihr Smartphone hervorgeholt und ist aktiv.
Nach zwei Haltestellen erhebe ich mich.
Die Frau rührt sich nicht, sie scheint mich nicht zu sehen. Ihre langen Beine bleiben in der genau gleichen und so elegant wirkenden Seitposition ausgestreckt.
Ich muss ihnen deshalb etwas ausweichen und stolpere.
Die Frau merkt nichts und sagt nichts.

Es gibt Situationen, in denen es schwierig ist, die Balance zu halten.
Und die Fassung zu bewahren...


Kommentare:

  1. Oh, das verstehe ich, liebe Hausfrau Hanna. Manche Menschen sind einfach Egoisten, um es ohne Umschweife zu sagen. Ihnen fehlen Takt, Empathie und noch ein paar andere nette Eigenschaften.
    Ihre Zurückhaltung dagegen bewundere ich! Ich weiss nicht, ob mir da nicht etwas "herausgerutscht" wäre...
    Haben sie einen feinen Leiseregentag!
    Herzlich,
    Frau Quer

    AntwortenLöschen
  2. In dieser Situation hätte ich wahrscheinlich meine rüppelhafte Seite auspacken müssen. :-(
    Grüessli
    Bea

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Hausfrau Hanna
    Wäre wohl tolpatschig über die eleganten Beine gestolpert, um die Dame etwas zu wecken.
    Diese Gleichgültigkeit, oder ein gewisser Egoismus oder Unhöflichkeit fällt auch mir auf. Bei jeder Tramfahrt guck ich wieviele Menschen mit ihrem Mobile beschäftigt sind anstatt ihrer Umwelt. Es ist irgenwie ein wenig erschreckend.
    Ursula

    AntwortenLöschen
  4. Merke, wie mein Blutdruck vor lauter Entrüstung hochschnellt!
    Ich weiß nicht, liebe Hausfrau Hanna, ob ich Ihre Contenance gehabt hätte.
    Wenn ich solche Situationen in Ruhe anschauen kann, wird mir klar, dass viele Leute gar nicht "richtig da sind" – in diesem Fall wahrscheinlich in Handy-Spähren abgetaucht.
    Herzliche Grüße
    Petra

    AntwortenLöschen
  5. Wie Bea hätte ich mal kurz z.B. meine schwere Einkaufstasche auf die hübsch ausgestreckten Beine gestellt oder wäre sonstwie handgreiflich geworden.
    Sind Sie wenigstens lang über sie hin gestolpert - ach, nein, das hätte sie vermerken müssen.
    Kopfschüttelgrüße

    AntwortenLöschen
  6. Manchmal,
    liebe Frau Quertaktein,
    sage ich auch etwas!
    Aber irgendwie gelang mir das nicht bei dieser Frau.
    War es ihre selbstbewusste Art?
    War es die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich ihren 'Platz' nahm und sich ausstreckte - ohne das geringste Interesse zu zeigen für die Umgebung...???

    Wie und was auch immer: Ich schicke Ihnen einen herzlichen Gruss und wünsche Ihnen einen umsichtigen Tag :)
    Hausfrau Hanna


    AntwortenLöschen
  7. Diese deine rüpelhafte Art,
    liebe Bea,
    hätte ich zu gern gesehen! ;)
    Weisst du was?
    Vielleicht hätte dich die grosse, smart aussehende Frau überhaupt nicht beachtet...

    Herzlichen Gruss in den Freitag
    Hausfrau Hanna

    AntwortenLöschen
  8. Gute Idee,
    liebe Ursula,
    die ich mir für das nächste Mal merke ;)
    Wenn ich keine schwere Einkaufstasche und keine Handtasche bei mir habe...
    Mir persönlich macht dieses Fokussiertsein aufs Smartphone nur etwas aus, wenn dabei die Umsicht auf die 'Welt' verloren geht. Und das nicht nur bei ganz jungen Menschen...
    Seufz.

    Und einen ganz herzlichen Gruss zu dir
    Hausfrau Hanna

    AntwortenLöschen
  9. Eigenartigerweise,
    liebe Petra,
    ist bei mir der Blutdruck nicht hochgeschnellt in dieser Situation (was sonst durchaus der Fall ist...)!
    Ich sass da und machte meinen Raum kleiner als nötig gewesen wäre, liess mich wohl von der selbstbewussten Art meines Gegenübers beeindrucken...

    Herzlichen Gruss nach München
    Hausfrau Hanna

    AntwortenLöschen
  10. Hach,
    liebe Frau WILDgans,
    das ist jetzt mal eine Empfehlung! ;)
    Und das mit dem lang über die Frau hinweg Stolpern, ging nicht!
    Aus praktischen Gründen (s.oben).

    Danke für den träfen, drastischen Tipp und einen Gruss ins Wochenende
    Hausfrau Hanna

    AntwortenLöschen