28.05.2011

Zwischen zwei Haltestellen (18)


Gestern Mittag.
Der Regiozug ist soeben eingefahren im Stadtbahnhof. In zehn Minuten folgt die Abfahrt in die umgekehrte Richtung aufs Land. Ich steige ein.

Die Fensterscheiben lassen das Geschehen draussen auf dem Perron lautlos werden.
Ich beobachte eine junge Frau, die durch ihr Aussehen und Benehmen auffällt.
Aufgeregt spricht sie mit den beiden Personen, die ganz offensichtlich etwas mit ihr zu tun haben.
Dabei schlackert sie haltlos mit dem Oberkörper hin und her und gestikuliert wild herum. In einer Hand hält sie eine Bierdose.

Kurz vor Abfahrt des Zuges steigen alle ein. Jetzt plötzlich klärt sich mir die erlebte Situation:
Die junge Frau wurde während der Fahrt in die Stadt von einer Bahnkontrolle erwischt und hatte weder ein gültiges Billett, noch einen Ausweis auf sich.
Nun fährt sie wieder zurück an den Ursprungsort.
Ein Bekannter, in der rotblauen Kleidung eines FCB-Fans, steht bei ihr und gibt ihr Tipps, wie und wo sie einen neuen Ausweis und ein Bild machen lassen kann.
Das interessiert die Frau nicht. 
"Wer hat dir diesen Knutschfleck gemacht?" lenkt sie ab.
Der Mann nennt einen Namen. Als sie ihn hört, versteht sie die Welt nicht mehr und warnt ihn eindringlich vor dieser Frau.
Jetzt sind die beiden plötzlich in einem ganz andern Thema. Ich höre zu.
Die junge Frau erzählt von ihrer Einweisung in die Psychiatrie, dem Entzug und langen Gesprächstherapien. Und dass sie jetzt nur noch vier Bier trinke am Tag. Sonst sei sie clean.
Der Mann sagt beschwörend: "Du darfst nicht mehr in die Stadt gehen, wo du wieder auf alle Typen triffst, die dir nicht guttun."
Als er aussteigt, umarmt er die Freundin ganz fest, wünscht ihr:
"Schau gut zu dir, gäll!"

Und dann vernehme ich die Stimme der Sitznachbarin links neben mir:
"Was es auch für Pack gibt!"


Kommentare:

  1. Als Pack würde ich eher die Sitznachbarin links neben dir bezeichnen. Was weiß die schon. Anstatt auf andere herunterzuschauen, sollte sie besser den Mund halten.

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  2. Ich mochte auch nichts erwidern oder richtigstellen,
    liebe Anhora,
    manchmal ist es einfach besser, man schweigt.
    Und ausserdem war mein Gemüt vom Gesehenen und Gehörten noch etwas durchbewegt...

    Einen schönen Samstagabend
    wünscht dir Hausfrau Hanna

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  3. mit was für welt- und menschen-liebenden augen du schaust....
    gruß von sonja

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  4. Ich versuche es,
    liebe Frau Wildgans,
    und manchmal gelingt's...

    Liebe Grüsse unter dem lang ersehnten Regen durch
    Hausfrau Hanna

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