Muscheln erzählen Geschichten

06.09.2018


In der letzten Schwedischstunde. Wir hatten das Thema 'Reisen'.
Ein Teilnehmer, er wuchs in den Siebzigerjahren auf, erzählte lachend von den Ferien, die er als Bub mit seinen Eltern Jahr für Jahr auf dem gleichen Campingplatz an der italienischen Adria verbracht hatte.
Als Kind hätte mich das neidisch gemacht.
Blieben wir doch Sommer für Sommer zuhause im Garten. Gingen ins Schwimmbad. Mussten Kirschen pflücken. Machten, was einer sommerlichen Krönung gleich kam, einen Tagesausflug in die Berge.
So war das damals üblich.
Das Geld für Ferien oder gar Auslandreisen fehlte in den meisten Familien.
Ich erinnere mich jedoch, dass wir einmal nach den Sommerferien eine grosse Muschel geschenkt bekamen mit der Aufforderung, sie ans Ohr zu halten.
Wir pressten also unsere Kinderohren an das leere Gehäuse und hörten deutlich ein sanftes Wellenrauschen im Innern. Gebannt lauschend wähnten wir uns am Meer, das wir nur vom Erzählen kannten.
Von den wenigen Leuten, die in Rimini oder Jesolo waren...


Carl Eldh, 1873-1958, schwedischer Bildhauer
Skulptur in seinem ateljé in Stockholm



(...)
Von aussen besehn,
Scheint das Gehäuse ganz leer
Innen.
Aber das Meer
Ist heimlich da drinnen.
Horch, wie es rauscht,
Wenn man dran lauscht!
(...)


Mascha Kaléko, 1907 - 1975

6 Kommentare:

Quer hat gesagt…

Oh ja, so eine Muschel kann für ein Kind die Welt bedeuten.
Ich kann Sie gut verstehen, liebe Hausfrau Hanna.
Wir kamen als Kinder immerhin zwei- bis dreimal in den Genuss von Zeltferien an der Adria: "Marina di Massa". Das war natürlich das höchste der Gefühle, auch wenn wir Mädchen zu zweit (eines vorne, eines hinten) im VW-Käfer schlafen mussten. :-)
Lieben Gruss,
Frau Quersatzein

PepeB hat gesagt…

Oh ja, das Rauschen ist die Sehnsucht der Muschel nach dem Meer und sie weckt sie damit auch in uns – kommen wir nicht alle auch aus dem Wasser?
Ganz liebe Grüße
Petra

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Das war tatsächlich so,
liebe Frau Quersatzein,
eine Muschel als Mitbringsel aus den Ferien bedeutete mir/uns sehr viel.
Was für herrliche Ferienerinnerungen: Übernachten im VW-Käfer war bestimmt ein kleines Abenteuer... (ich selbst habe Erinnerungen an Übernachtungen im VW-Bus...).
Und Marina die Massa tönt als Feriendestination himmlisch :)

Lieben Gruss von einer inzwischen 'sesshaften' Hausfrau Hanna

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Das ist so,
liebe Petra,
wir tragen wohl alle Erinnerungen in uns an eine 'Form' oder einen 'Zustand', in denen wir vor Jahrmillionen (milliarden?) im Meer herumschwammen...
Sehnsucht nach Meer kenne ich ebenfalls!


Lieben Gruss nach München

Anonym hat gesagt…

Tolle Kombination aus Bericht, Kunst (Bild) und Gedicht :D

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Danke,
liebe/r Anonym,
für das tolle Kompliment, das ich wegschlecke wie feinen, flüssigen Honig :)

Lieben Gruss
Hausfrau Hanna